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Gießener Anzeiger: Magnetfeld im Saal

Zu Anfang merkt man gar nicht, wie viele verschiedene Weltgegenden, Musikstile, Einflüsse auf der kleinen Bühne zusammenkommen, so organisch und selbstläufig wirkt das alles. Und sie sind ja auch nur zu viert, ein Jazzquartett, was soll daran Besonderes sein?

Alle sind, das fällt sofort ins Auge, für Jazzmusiker ziemlich jung, der in Gießen aufgewachsene Bassist Jakob Kühnemann, Jahrgang 1984, ist der Senior der Band. Dass man im Jazz mit Mitte 30 noch als jung gilt, hängt vor allem damit zusammen, dass es in dieser komplexen Musik enorm viel zu lernen gibt, und das braucht eben seine Zeit.

Die vier vom Tamara Lukasheva Quartett sind damit sehr weit gekommen – so weit, dass man ihnen die ganze Mühe, die das alles gemacht haben muss, nicht anmerkt. Völlig selbstverständlich verbinden sich in der vokalen Kunst der in Odessa geborenen Tamara Lukasheva traditionsbewusster Jazz-Scatgesang und sehr moderne, ins Geräuschhafte tendierende, pointilistische Gesangstechniken mit einer warm timbrierten Intonation ukrainischer Lieder und elegant-melodiöser Jazz-Artikulation. Und in jedem Augenblick muss man damit rechnen, dass sie im nächsten etwas Anderes tut. Lucas Leidinger, der am Klavier für Sebastian Scobel einsprang, fand sich nahtlos in den vielgestaltigen Mikrokosmos der Band ein und hatte immer nur ein paar Notenblätter mehr als die Anderen auf dem Pult. Jakob Kühnemann spielte die Kontrabassisten-Rolle perfekt mit vorzüglicher Rhythmus-Arbeit, mit einem insgesamt weich getönten Klangbild, mit schönen gestrichenen Passagen über alle Register.

Der auffälligste Musiker im Quartett ist, neben der Sängerin, der Schlagzeuger Dominik Mahnig. Er arbeitet stets mehrdimensional, hat seine rhythmischen Verpflichtungen eher im Hinterkopf als im Fuß und sprüht ständig vor Ideen für klangliche Anreicherungen, schnelle Nebenbemerkungen, klare Akzente, dynamische Kommentare und lässt dabei nie Präzision vermissen.

Immer wieder löst sich das Quartett vorübergehend in kleinere Formationen auf. Es gibt Abschnitte mit dem Klaviertrio Leidinger-Kühnemann-Mahnig, es gibt begleitete Soli, und es gibt intensive Duo-Passagen jedes Musikers mit der Bandleaderin. Tamara Lukasheva kann ein starkes Magnetfeld um sich verbreiten, dem sich auch die Zuhörer im kleinen Gewölbesaal des Ulenspiegel nicht entziehen wollen. Und mit Dominik Mahnig steigert sie sich in ein frappierend kleinteiliges, dramatisches, klangreiches und ideensprühendes Duo hinein, das wohl für alle im Saal die spannendste Passage des Konzerts ist.

Die aktuelle CD des Tamara Lukasheva Quartetts „Patchwork of Time“ ist bei Doublemoon Records erschienen.